Warum gute Führung heute schwieriger ist als je zuvor – und was erfolgreiche Führungskräfte anders machen
Die Anforderungen an Führungskräfte haben sich in den vergangenen zehn Jahren stärker verändert als in den Jahrzehnten zuvor.
Künstliche Intelligenz verändert Geschäftsmodelle. Märkte entwickeln sich mit hoher Geschwindigkeit. Fachkräfte werden knapper. Erwartungen von Mitarbeitenden verändern sich. Gleichzeitig wächst der wirtschaftliche Druck auf Unternehmen nahezu aller Branchen.
Trotzdem ist dies aus meiner Sicht nicht die größte Herausforderung moderner Führung.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, unter wachsender Unsicherheit gute Entscheidungen zu treffen.
Führung war noch nie ein Wissensproblem
Viele Führungskräfte investieren enorme Zeit in Analysen, Kennzahlen und Präsentationen. Das ist nachvollziehbar. Gute Entscheidungen brauchen Informationen.
Doch Informationen allein führen selten zu besseren Entscheidungen.
Im Gegenteil.
Die Verhaltensökonomie zeigt seit Jahrzehnten, dass Menschen Informationen nicht objektiv verarbeiten. Unsere Urteile werden von Erfahrungen, Erwartungen, Emotionen und kognitiven Verzerrungen beeinflusst. Daniel Kahneman beschrieb dieses Phänomen eindrucksvoll. Gerd Gigerenzer ergänzt, dass gute Entscheidungen häufig weniger von der Datenmenge als von der Qualität des Urteils abhängen.
Mit anderen Worten:
Mehr Informationen führen nicht automatisch zu besseren Entscheidungen.
Warum Erfahrung gleichzeitig Stärke und Risiko ist
Je erfolgreicher Menschen werden, desto häufiger verlassen sie sich auf ihre Intuition.
Das ist zunächst sinnvoll.
Erfahrung ermöglicht es, komplexe Situationen schneller zu erfassen und Muster zu erkennen. Gleichzeitig steigt jedoch die Gefahr, Annahmen nicht mehr ausreichend zu hinterfragen.
Psychologen sprechen unter anderem vom Overconfidence Bias – der Tendenz, die eigene Einschätzung zu überschätzen.
Gerade erfahrene Führungskräfte sind davor nicht geschützt.
Vielleicht sogar im Gegenteil.
Die Qualität einer Führungskraft zeigt sich im Umgang mit Widerspruch
Viele Organisationen sprechen von einer offenen Feedbackkultur.
In der Praxis erleben Mitarbeitende jedoch häufig etwas anderes.
Je höher die Hierarchie, desto vorsichtiger werden Rückmeldungen. Kritik wird abgeschwächt. Zweifel bleiben unausgesprochen. Risiken werden erst dann sichtbar, wenn Entscheidungen längst getroffen wurden.
Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School, beschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff Psychological Safety.
Gemeint ist nicht Harmonie.
Gemeint ist ein Arbeitsklima, in dem Menschen ihre Meinung äußern können, Fehler ansprechen und auch Führungskräften widersprechen dürfen, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Gerade dort entstehen häufig die besseren Entscheidungen.
Moderne Führung bedeutet, Denkqualität zu organisieren
Vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe einer Führungskraft heute nicht mehr darin, die klügsten Antworten zu geben.
Vielleicht besteht sie darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen gute Antworten überhaupt entstehen können.
Das verändert Führung grundlegend.
Es geht weniger um Kontrolle.
Weniger um Hierarchie.
Weniger um Status.
Und deutlich stärker um die Fähigkeit,
unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen,
Widerspruch auszuhalten,
Unsicherheit zu akzeptieren,
Verantwortung zu übernehmen und
Entscheidungen transparent zu begründen.
Führung beginnt mit Selbstreflexion
Die größte Konkurrenz einer Führungskraft ist selten der Wettbewerb.
Sie sind die eigenen blinden Flecken.
Deshalb investieren viele erfolgreiche Unternehmer, Geschäftsführer und Senior Executives bewusst Zeit in Reflexion.
Nicht weil sie unsicher sind.
Sondern weil sie wissen, dass Verantwortung selten objektive Antworten liefert.
Wer Verantwortung trägt, trifft täglich Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen für Menschen, Teams und Unternehmen.
Je größer diese Verantwortung wird, desto wichtiger wird die Fähigkeit, das eigene Denken regelmäßig zu überprüfen.
Nicht jede Überzeugung ist richtig.
Nicht jede Gewissheit hält einer kritischen Prüfung stand.
Fazit
Die Zukunft erfolgreicher Unternehmen wird nicht allein von Technologie, Kapital oder Strategien bestimmt.
Sie wird maßgeblich davon abhängen, wie gut Führungskräfte Entscheidungen treffen.
Nicht unter idealen Bedingungen.
Sondern genau dann, wenn Informationen unvollständig sind, unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen und der richtige Weg nicht offensichtlich ist.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis moderner Führung:
Exzellente Führung zeigt sich nicht darin, immer recht zu haben. Sondern darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen bessere Entscheidungen möglich werden.